Buergerforum mit Katharina Guenther-Wuensch
Gestern beim Buergerforum mit unserer Bildungssenatorin Katharina Guenther-Wuensch. Man merkt schnell: Sie ist tief im Stoff, argumentiert klar und bleibt auch in schwierigen Fragen nah an der Praxis. Fast zwei Stunden lang ging es um Lehrkraefte, Unterrichtsausfall, Schulbau, Kita, Sprachfoerderung und Inklusion. Im Anschluss konnten die Buerger ihre Fragen noch direkt an sie richten; vieles wurde sofort beantwortet.
Inhaltlich setzte die Senatorin vor allem auf zwei Botschaften: Erstens, Berlin hat in zentralen Bereichen messbare Fortschritte erzielt. Zweitens, viele Probleme sind noch nicht geloest, lassen sich aber inzwischen deutlich praeziser bearbeiten als noch vor einigen Jahren.
Besonders hervorgehoben hat sie die Entwicklung bei der Unterrichtsversorgung. Nach ihrer Darstellung lag die Lehrkraefteprognose fuer Berlin im Jahr 2023 noch bei rund 1.500 fehlenden Lehrkraeften. In der sogenannten Novemberstatistik beziehungsweise zum Halbjahr 2026 habe sich dieses Defizit berlinweit auf etwa 200 reduziert – trotz weiter steigender Schuelerzahlen. Zugleich machte sie deutlich, dass dies weiterhin auch durch Quer- und Seiteneinstiege abgefedert wird, deren Qualifizierung in den vergangenen Jahren ueberarbeitet worden sei.
Als weiteres Beispiel nannte sie den Unterrichtsausfall. Nach ihren Angaben sei Berlin zu Beginn ihrer Amtszeit bei etwa zwoelf Prozent gestartet und liege inzwischen bei sechs bis sieben Prozent. Das sei noch kein zufriedenstellender Wert, zeige aber, dass die Entwicklung in die richtige Richtung gehe.
Breiten Raum nahm auch der Schulbau ein. Nach Aussage der Senatorin werden in Berlin derzeit jaehrlich rund 1,3 Milliarden Euro fuer den Schulbau eingesetzt. Damit entstuenden etwa 10.000 Schulplaetze pro Jahr. Sie verwies zudem darauf, dass die Mittel inzwischen vollstaendig verbaut wuerden und Berlin bei den Grundschulplaetzen in den kommenden zwei Jahren berlinweit aus dem Mangel herauskommen koenne. Gleichzeitig betonte sie, dass weiterhin alle Schulformen gebaut werden – also Grundschulen, integrierte Sekundarschulen, Gemeinschaftsschulen, Gymnasien und Foerderschulen –, orientiert am Bedarf, den die Bezirke anmelden.
Ein zentrales Thema war ausserdem die fruehkindliche Bildung. Guenther-Wuensch stellte Berlin als bundesweit besonderen Fall dar: kostenlose Kita und zugleich eine insgesamt auskoemmliche Platzversorgung. Daraus leitet die Bildungsverwaltung den Anspruch ab, deutlich frueher und verbindlicher auf Sprachfoerderung zu schauen. Nach ihren Angaben besuchen rund 4.000 Kinder in Berlin vor der Einschulung keine Kita. Genau hier setzen zwei Instrumente an: der Willkommensgutschein fuer Dreijaehrige ohne Kita-Platz und das Kita-Chancenjahr.
Der Willkommensgutschein soll Eltern, deren Kinder mit drei Jahren noch keine Kita besuchen, den Zugang erleichtern. Das Anschreiben wird in mehreren Sprachen und in einfacher Sprache versandt; beigefuegt ist ein Gutschein ueber acht Stunden. Beim Kita-Chancenjahr geht es darum, Kinder mit Sprachfoerderbedarf frueher zu identifizieren. Kuenftig werden Kinder im Alter von viereinhalb Jahren zu einer Sprachstandserhebung eingeladen. Wird dabei ein Foerderbedarf festgestellt, soll der Kita-Besuch verpflichtend werden – spaetestens ein Jahr vor der Einschulung. Nach Darstellung der Senatorin sind dafuer mehrere Erinnerungsstufen, aufsuchende Arbeit und im letzten Schritt auch Bussgelder von bis zu 2.500 Euro vorgesehen, die von den Bezirken erhoben werden sollen.
Deutlich wurde im Vortrag auch, dass Guenther-Wuensch den Bereich Inklusion nicht auf Schlagworte verkuerzen will. Einerseits verwies sie auf neu gebaute Foerderzentren fuer Schuelerinnen und Schueler mit geistiger Beeintraechtigung und auf hunderte zusaetzliche geschuetzte Plaetze. Andererseits betonte sie, dass zugleich deutlich mehr inklusive Schulplaetze geschaffen worden seien, insbesondere in Neubauten mit hohem baulichem Inklusionsstandard. Grenzen sah sie vor allem bei Altbauten und denkmalgeschuetzten Schulgebaeuden, die sich nicht beliebig umbauen lassen.
Ein weiterer wichtiger Punkt war die sogenannte Multiprofessionalitaet an Schulen. Nach ihrer Darstellung koennen Schulleitungen inzwischen unbesetzte Lehrerstellen in insgesamt 14 andere Professionen umwandeln – etwa fuer Schulpsychologen, Logopaeden, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Verwaltungsassistenzen oder IT-Fachkraefte. Perspektivisch will sie erreichen, dass diese multiprofessionellen Teams auch dann erhalten bleiben koennen, wenn die Schulen wieder mehr regulaere Lehrkraefte einstellen.
Unterm Strich war der Abend deshalb nicht nur politisches Schaulaufen, sondern in weiten Teilen eine sehr konkrete Zwischenbilanz: weniger Lehrkraeftemangel, weniger Unterrichtsausfall, mehr Schulbau, staerkere Sprachfoerderung vor der Einschulung und mehr Flexibilitaet an den Schulen. Ein vorsichtig positives Signal liefert auch der Bundeslaendervergleich: Im INSM-Bildungsmonitor verbesserte sich Berlin von Platz 15 im Jahr 2023 ueber Platz 12 im Jahr 2024 auf Platz 11 im Jahr 2025. Das ist kein Beweis dafuer, dass alle Probleme geloest sind, aber es passt zu dem Eindruck, dass gezielte und eher punktuelle Massnahmen inzwischen erste Wirkung entfalten koennen.
Die wichtigsten Punkte im Ueberblick
1. Lehrkraefteversorgung
· Laut der Senatorin fehlten 2023 berlinweit rund 1.500 Lehrkraefte; zum Halbjahr 2026 seien es noch etwa 200 gewesen.
· Quer- und Seiteneinsteiger bleiben wichtig; ihre Qualifizierungsreihen seien ueberarbeitet worden.
· Die Senatorin betonte, Quer- und Seiteneinstieg bedeute nicht automatisch Qualitaetsverlust.
2. Unterrichtsausfall
· Nach ihren Angaben Rueckgang von etwa 12 Prozent auf 6 bis 7 Prozent waehrend ihrer Amtszeit.
· Sie stellte zugleich klar, dass auch dieser Wert noch nicht zufriedenstellend sei.
3. Schulbau
· Rund 1,3 Milliarden Euro Schulbaumittel pro Jahr.
· Etwa 10.000 neue Schulplaetze pro Jahr.
· Alle Schulformen werden gebaut; Grundlage ist die Bedarfsanmeldung der Bezirke.
· Bei den Grundschulplaetzen koenne Berlin in den kommenden zwei Jahren berlinweit aus dem Mangel herauskommen.
4. Kita und Sprachfoerderung
· Berlin beansprucht fuer sich eine kostenlose und zugleich insgesamt auskoemmliche Kita-Struktur.
· Etwa 4.000 Kinder besuchen vor der Einschulung keine Kita.
· Willkommensgutschein: acht Stunden Kita fuer Dreijaehrige ohne bisherigen Kita-Besuch.
· Kita-Chancenjahr: Sprachstandserhebung mit 4,5 Jahren und verpflichtender Kita-Besuch bei Foerderbedarf.
5. Inklusion
· Neubauten und Ergaenzungsbauten werden hoch inklusiv geplant.
· Zugleich verwies die Senatorin auf praktische Grenzen bei Altbauten und denkmalgeschuetzten Schulen.
· Mehrere neue Foerder- und viele weitere inklusive Schulplaetze seien geschaffen worden.
6. Multiprofessionelle Teams
· Unbesetzte Lehrerstellen koennen in 14 andere Professionen umgewandelt werden.
· Ziel fuer die naechste Phase: multiprofessionelle Teams zusaetzlich zu einer moeglichst vollstaendigen Lehrkraefteausstattung erhalten.
Strukturreformen unter ihrer Verantwortung
1. Schulgesetznovelle 2024
Unter anderem mit Kita-Chancenjahr, neuem Gymnasialverfahren, 11. Pflichtschuljahr und Berliner Landesinstitut.
Weiterfuehrender Link: https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2024/pressemitteilung.1431511.php
2. Willkommensgutschein fuer Dreijaehrige
Niedrigschwelliger Zugang zur Kita fuer Kinder, die bislang keine Einrichtung besuchen.
Weiterfuehrender Link: https://www.berlin.de/sen/bjf/service/presse/pressearchiv-2025/pressemitteilung.1548305.php
3. 11. Pflichtschuljahr / IBA Praxis
Neuer Bildungsgang an Oberstufenzentren fuer Jugendliche ohne klare Anschlussperspektive.
Weiterfuehrender Link: https://www.berlin.de/sen/bjf/service/presse/pressearchiv-2025/pressemitteilung.1595539.php
4. Berliner Landesinstitut BLiQ
Buendelt Qualifizierung und Qualitaetsentwicklung an Schulen.
Weiterfuehrender Link: https://www.berlin.de/sen/bjf/service/presse/pressearchiv-2025/pressemitteilung.1525868.php
5. Reform der Lehrkraeftebildung
Modernisierung der Wege ins Lehramt und staerkere Praxisorientierung.
Weiterfuehrender Link: https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1570650.php
6. Reform der Schulen in freier Traegerschaft
Neue Regeln fuer Finanzierung, Wartefrist, Inklusionsfoerderung und Sonderungsverbot.
Weiterfuehrender Link: https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1594371.php
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